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Der Prozess ist digitalisiert. Seine Intelligenz ist es nicht.

Autorenbild: Philipp Futterknecht
Philipp Futterknecht
9. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Sept.


Inhalt



Neulich fiel in einem ERP-Workshop wieder dieser Satz, bei dem meist niemand widerspricht:

Das weiß bei uns der Herr Müller.

Alle nickten. Und genau dieses Nicken ist oft interessanter als jede Prozessgrafik.


Auf dem Papier war der Ablauf beschrieben. Im ERP war er abgebildet. Es gab Masken, Status, Berechtigungen, Reports, Freigaben und Belegketten. Alles war irgendwo vorhanden. Nur die eigentliche Antwort lag nicht im System. Sie lag bei Herrn Müller.


Das ist keine Kritik an Herrn Müller. Im Gegenteil: Herr Müller ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum der Prozess im Alltag überhaupt funktioniert. Aber wenn ein hochintegriertes ERP-System, Workflows, Dashboards, Schnittstellen und vermutlich 400 Felder pro Maske vorhanden sind, der entscheidende Button aber weiterhin "Herr Müller fragen" heißt, zeigt sich eine unbequeme Wahrheit: Der Prozess ist digitalisiert. Seine Intelligenz ist es nicht.



Was in vielen Digitalisierungsprojekten wirklich passiert ist


Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren enorme Arbeit in Digitalisierung gesteckt. Papierformulare wurden zu Eingabemasken, Unterschriftenmappen zu Freigabeworkflows, Listen zu Reports und Aktenordner zu Belegarchiven. Das war richtig und notwendig. Ohne diese Arbeit gäbe es heute keine stabile operative Basis.


Gleichzeitig wurde Digitalisierung häufig als Abbildung verstanden: Was früher auf Papier stand, steht heute im System. Was früher weitergegeben wurde, läuft heute durch einen Workflow. Was früher gesucht wurde, wird heute gefiltert. Damit ist viel gewonnen, aber noch nicht genug. Denn ein abgebildeter Prozess ist nicht automatisch ein intelligenter Prozess.



Die eigentliche Intelligenz steckt oft zwischen den Feldern


ERP-Systeme können sehr präzise zeigen, was vorhanden ist. Ein Auftrag hat einen Status, ein Artikel einen Bestand, eine Bestellung einen Liefertermin, eine Rechnung eine Freigabe und ein Kunde bestimmte Konditionen. Für die operative Arbeit reicht diese Information aber selten aus.


Die eigentliche Frage lautet meistens nicht:


Was steht im Feld?

Sie lautet:


Was bedeutet das jetzt?

Ist diese Abweichung kritisch oder nur ein normaler Ausschlag? Ist dieser Rückstand gefährlich oder Teil des üblichen Geschäfts? Ist der Liefertermin belastbar? Ist der Kunde ein Standardfall oder muss jemand den Sonderfall kennen? Welche Information fehlt, bevor entschieden werden kann?


Genau diese Bewertung entsteht in vielen Unternehmen weiterhin durch Erfahrung, Kontextwissen und informelle Regeln. Sie entsteht im Kopf erfahrener Mitarbeitender, nicht im System.



Warum das für Geschäftsführung und Fachbereiche relevant ist


Solange Herr Müller da ist, wirkt das Problem kleiner, als es ist. Der Prozess läuft, die richtigen Rückfragen werden gestellt, kritische Fälle werden erkannt und Sonderfälle abgefangen. Erst wenn Herr Müller ausfällt, wechselt oder schlicht keine Zeit hat, wird sichtbar: Es fehlt nicht nur Kapazität. Es fehlt Prozessintelligenz.


Das ist der Punkt, der in vielen Digitalisierungsdiskussionen unterschätzt wird. Unternehmen sprechen über Fachkräftemangel, Effizienz, Automatisierung und KI. Gleichzeitig hängt ein erheblicher Teil der operativen Wertschöpfung weiterhin daran, dass einzelne Menschen wissen, wie ein Vorgang wirklich zu lesen ist. Nicht, weil diese Menschen das Problem sind. Sondern weil sie die Lösung über Jahre getragen haben.



Prozessabbildung ist nicht Prozessintelligenz

Der Unterschied zwischen Prozessabbildung und Prozessintelligenz ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, ob ein System nur Ablauf organisiert oder ob es Entscheidungsfähigkeit erzeugt.

Prozessabbildung

Prozessintelligenz

Wo steht der Vorgang?

Warum ist dieser Vorgang kritisch?

Wer ist zuständig?

Welche Information fehlt?

Welcher Status ist gesetzt?

Welche Abweichung ist relevant?

Welche Maske muss geöffnet werden?

Welche Erfahrung aus ähnlichen Fällen zählt?

Welcher Report zeigt die Zahl?

Welche Entscheidung muss vorbereitet werden?


Prozessabbildung sagt, wo ein Vorgang steht. Prozessintelligenz hilft zu verstehen, was aus diesem Vorgang folgt. Genau dort liegt der nächste Wertschöpfungsschritt.



Der Übergang von Bedienarbeit zu Entscheidungsarbeit



In meinem Buch "Hyperautomation - Der letzte Schritt vor der intelligenten Organisation" beschreibe ich diesen Übergang als Verschiebung von Verantwortung zwischen Mensch und Maschine.



Die Abbildung "Übergang der Verantwortung - von Mensch zur Maschine" zeigt eine Entwicklung von rein manueller Arbeit über assistierte und teilautomatisierte Schritte hin zu Systemen, die immer mehr Vorarbeit übernehmen.
Die Abbildung "Übergang der Verantwortung - von Mensch zur Maschine" zeigt eine Entwicklung von rein manueller Arbeit über assistierte und teilautomatisierte Schritte hin zu Systemen, die immer mehr Vorarbeit übernehmen.

Wichtig ist dabei: Der Mensch verschwindet nicht aus dem Prozess. Seine Rolle verändert sich. Weniger Bedienarbeit, mehr Bewertung, Freigabe und Verantwortung.


Kapitel 8 führt diesen Gedanken weiter. Dort geht es um Datenqualität, Vertrauen und Kontextverständnis in der Hyperautomation. Genau diese drei Punkte entscheiden darüber, ob ein System nur Daten verarbeitet oder ob es fachlich brauchbare Entscheidungsgrundlagen vorbereitet. Ohne Kontext bleibt Automatisierung oberflächlich. Sie kann schneller klicken, Daten verschieben und Reports erzeugen. Aber sie versteht nicht automatisch, warum ein Vorgang wichtig ist.


Prozessintelligenz beginnt dort, wo Daten, Regeln, Erfahrung und Bedeutung zusammenkommen.



Der nächste Schritt ist nicht die nächste Maske


Viele ERP-nahe Verbesserungen führen reflexartig zu neuen Masken, Reports, Feldern oder Workflows. Das kann sinnvoll sein. Es löst aber nicht automatisch das Grundproblem.


Wenn Menschen weiterhin Informationen zusammensuchen, Abweichungen manuell bewerten und Kontext aus mehreren Quellen herstellen müssen, wurde vor allem die Oberfläche erweitert. Die eigentliche Arbeit bleibt beim Menschen hängen.


Der nächste Schritt besteht deshalb nicht darin, noch mehr Bedienlogik zu schaffen. Er besteht darin, der Maschine beizubringen, was erfahrene Menschen längst wissen: was wichtig ist, was abweicht, was zusammengehört, was vorbereitet werden muss und wann ein Mensch entscheiden sollte.



Die Rolle von KI im ERP ist nicht Ersatz, sondern Vorbereitung


KI wird im ERP-Umfeld häufig zu groß oder zu flach diskutiert. Zu groß, wenn sie als autonome Unternehmenssteuerung verkauft wird. Zu flach, wenn sie nur als Chatbot auf bestehenden Daten verstanden wird. Der sinnvolle Hebel liegt dazwischen.


KI kann helfen, Prozessintelligenz nutzbar zu machen, indem sie:

- Informationen aus verschiedenen ERP-Bereichen zusammenführen

- relevante Abweichungen erkennen

- Kontext zu Aufträgen, Beständen, Lieferterminen oder Freigaben vorbereiten

- fachliche Rückfragen strukturieren

- Standardfälle vorbereiten

- Entscheidungsgrundlagen nachvollziehbar erklären


Der Mensch bleibt verantwortlich. Aber er muss nicht mehr jede Vorarbeit selbst leisten. Das System bereitet vor, der Mensch bewertet und entscheidet.



Was das für BlackHorizon bedeutet


BlackHorizon setzt genau an dieser Stelle an: nicht bei der Frage, wie man noch eine weitere Oberfläche baut, sondern wie vorhandene ERP-Daten, Prozesslogik und Unternehmenskontext so verbunden werden, dass operative Entscheidungen leichter werden.


Im ERP-Umfeld bedeutet das: nicht nur Daten anzeigen, Reports liefern oder Workflows ausführen. Sondern den Kontext vorbereiten, in dem Menschen gute Entscheidungen treffen können. Das ist intelligente Prozessarbeit. Und es ist aus meiner Sicht die nächste Stufe der Wertschöpfung im ERP.



Fragen statt Herrn Müller suchen


"Das weiß bei uns der Herr Müller" ist in vielen Unternehmen kein Randdetail. Es ist ein Hinweis. Er zeigt, wo Erfahrung sitzt, wo Prozesse nur scheinbar vollständig beschrieben sind und wo Digitalisierung noch nicht fertig ist.


Die Aufgabe besteht nicht darin, Herrn Müller überflüssig zu machen. Die Aufgabe besteht darin, seine Erfahrung so nutzbar zu machen, dass sie im Prozess wirken kann: für Kolleginnen und Kollegen, für neue Mitarbeitende, für Führungskräfte und für bessere Entscheidungen.


Der nächste Wertschöpfungsschritt im ERP ist deshalb nicht noch mehr Masken. Es ist mehr Prozessintelligenz im System.


Fragen statt suchen. Kontext statt Umwege. Entscheiden statt klicken.


Wo liegt bei Ihnen heute die meiste Prozessintelligenz?

  • In Köpfen erfahrener Mitarbeitender

  • In Excel und Nebenlisten

  • Im ERP-System

  • In Meetings und Zurufen


Stop managing ERP. Start thinking with it.




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